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Kaltenbrunn, ein Kulturdenkmal

Kaltenbrunn, durch ein Hotel-Großprojekt der Schörghuber-Unternehmensgruppe gefährdet, ist so etwas wie ein magischer Schnittpunkt in Geschichte und Landschaft des Tegernseer Tales. Von hier, vom Burghügel, nahm die Geschichte ihren Ausgang. Und wo immer man sich im Tegernseer Tal befindet, oder auf welchem Berggipfel, alle Blickachsen laufen über den See auf Kaltenbrunn zu. Das ist das Einmalige an dieser Stätte, und das macht ihr Bild so verwundbar…

Zur Gründungsgeschichte des Klosters Tegernsee, zur 1250-Jahrfeier im Jahr 1996, wurde das Oratorium DE FUNDATIONE geschrieben. In diesen Oratorium (Uraufführung in der einstigen Tegernseer Klosterkirche, weitere Aufführungen auch in Kaltenbrunn) sind über eine Projektionsfläche Video-Zuspielungen integriert.
Die erste Bildfolge zeigt die alten Linden auf dem Bürghügel von Kaltenbrunn im Wechsel der Jahreszeiten, mit dem Blick über den See in die Berge, und der Sprecher hebt an:

"Hier beginnt unsere Geschichte.
Auf dem Burghügel über dem See.
Wo Adalbert und Ottokar lebten.
Die Brüder.
Unsere Geschichte begann
vor mehr als tausend Jahren.

Aber es ist auch unsere Geschichte.
Die Geschichte, aus der wir alle kommen…"

Adalbert und Ottokar waren nach der Überlieferung Fürstensöhne, aus einem der altbayerischen Herzogsgeschlechter, wie einige Quellen besagen, oder königlicher Herkunft aus Burgund, wofür die drei Kronen im späteren Tegernseer Wappen sprächen. Sie erbauten diese Burg am Nordufer des Tegernsees, heißt es weiter, um von hier aus der Jagd und dem Fischfang nachzugehen. Die Glaubwürdigkeit dieser Überlieferungen mag man daran ermessen: Die Quellen sprechen übereinstimmend von der ungewöhnlichen Körpergröße der Brüder („9 Fuß und 7 Zoll“, was mehr als zwei Metern entsprochen hätte) und bei der Öffnung ihres Sarkophages unter dem Tegernseer Hochaltar vor einigen Jahren zeigte sich tatsächlich - sie maßen etwa 1.90 Meter.

In der Überlieferung heißt es weiter: Als die Brüder Adalbert und Ottokar am Hof des Frankenkönigs Pippin weilten, erschlug der Sohn des Königs nach einem verlorenen Schachspiel im Zorn Ottokars Sohn Rochus. Aber Ottokar verzichtete auf Blutrache, kehrte an den Tegernsee zurück und gründete, von Kaltenbrunn aus, mit seinem Bruder im Jahr 746 das Kloster Tegernsee. Im Oratorium DE FUNDATIONE sagen sie:

"Der Welt entsagen wir.
Vorbei der Falken Tage,
der Jagden auf den Hirsch,
der Lautenklänge,
in der Burg am See.

Uns ruft das Tal, das Land,
das Gott uns gab.
Und all die Seelen,
denen wir dienen.
Im Land um den See,
sturmdurchtost und schneebekränzt,
und scheu erblühend,
wenn das Licht es weckt.

Wir gehen im Geist des Herrn,
und von den des Benediktus Wort geführt:
Bete und arbeite!
Ora et labora!"


So ging das Kloster Tegernsee, das als Kulturzentrum weit über den süddeutschen Raum hinaus wirken sollte, aus einem Akt der Vergebung hervor, dem Verzicht auf Rache. Und die Burg am See wurde zur Brücke aus früher Feudalzeit zur tausendjährigen benediktinischen Tradition des Tales.

Im 12. Jahrhundert erwarb ein Edelgeschlecht, die Ritter von Ebertshausen, die Burg, gab ihr den Namen und trat wieder aus der Geschichte ab. Es folgten die Eurasburger als Lehensnehmer, sie streiten mit den Kloster um Fischrechte und andere Güter dieser Welt, der Abt bringt Ebertshausen wieder in den Besitz des Klosters, schleift die Burg und Kaltenbrunn wird zur klösterlichen Schwaige, auch zur Recreationsstätte kranker Brüder - und im 17. Jahrhundert zum Sitz einer berühmten Familie, der Reiffenstuels. Das Gut über dem See war die Heimat großer Männer, die Reiffenstuels wurden Richter, Theologen, Baumeister; die berühmtesten in ihrer Reihe waren wohl Anaklet Reiffenstuel, 1642 in Kaltenbrunn geboren, Verfasser der „Theologia Moralis“ und des
kirchenrechtlichen „Tractatus de Regulis Iuris“, der bis heute die Rechtsprechung der Römischen Rota bestimmt, und Hanns Reiffenstuel, geboren 1540, der eine der ersten Pipelines der Welt baute, die hölzerne Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein.

So überlagerten sich in Kaltenbrunn religiöse und weltliche Kräftefelder bis dann, mit der Säkularisation im Jahre 1803 und dem Ende der „Bavaria sancta“ für Kaltenbrunn die wittelsbachische Zeit begann: Max I. Joseph, an den das „Königshaus“ im heutigen Gutstrakt erinnert, erwarb 1821 zu seiner Sommerresidenz Kloster Tegernsee auch das Gut Kaltenbrunn und gestaltete es zu einem ökonomischen Mustergut mit Stallungen für hundert Milchkühe, die den Almsommer auf der Königsalm verbringen, mit Gehege für exotische Hühnervölker, Fasanen und Pfauen und einem Marmorbecken mit Wasserwerk zur Kühlung der Milch. Kaltenbrunn war Schauplatz legendärer Seefeste, wenn die königliche Familie in lampiongeschmückten Gondolieren vom Tegernseer Schloss herüberkam, um von Kaltenbrunn aus das Feuerwerk und die illuminierten Berge zu bewundern. Vom Wallberg und vom Setzberg grüßten dann die Initialen Ihrer Majestäten, aus brennenden Holzstößen gebildet, durch die Nacht bis hinein in die Residenzstadt München.

Kaltenbrunn war aber auch immer eine Stätte der Gastlichkeit für das Volk und so soll hier, stellvertretend für andere zeitgenössische Reiseschriftsteller, die das Hohe Lied von Kaltenbrunn sangen, Dr. Joseph Hefner in seinem Tegernseer Reiseführer von 1838 zu Wort kommen:
„Wir besteigen wieder den Kahn, der uns längs des schönen Wiesseer Ufers an den Bauernhöfen zum Wimmer, Grundner, Holzer und Bayer vorbei an das nördliche Gestade trägt, das mit seinen in sanften Wellenlinien sich hinziehenden Höhen einen lieblichen Kontrast gegen die großartigen Gebirgsmassen bildet. Von besonntem Hügel herab winkt freundlich das Königsgut Kaltenbrunn.

Ein sanft ansteigender Fußweg führt die grüne mit Obstbäumen bestandene Anhöhe hinauf und gerne benützen wir die angebrachten Ruhebänke, um den Anblick dieses lieblichen Naturgemäldes zu genießen, das sich mit unendlichem Reize, besonders wenn sich die Sonne zu neigen beginnt, ausbreitet. Sind wir auf der Höhe angelangt, so ladet uns hier ein Zelt, dort das Herrschaftshaus freundlich ein, uns der herrlichen Aussicht zu erfreuen, oder uns mit frischer Alpenmilch, mit Bier, mit trefflichem Käs oder Butter oder mit Kaffee zu erquicken…“

Anmerkung des Chronisten 2008: „So sollten unsere Erinnerungen an die Zukunft sein!“

Anmerkung zum Denkmalschutz

Kaltenbrunn ist nicht nur durch seine benediktinische und wittelsbachische Vergangenheit, sondern allein schon durch seine historische Bausubstanz ein Kulturgut.
Man muss sich nur einmal einige Fakten aus den denkmalpflegerischen Untersuchungen „Gut Kaltenbrunn“ vor Augen halten. Beispiel: Der Walmdachbau an der Südseite des Viereck-Traktes Kaltenbrunn, also das Gebäude westlich des Königshauses und Biergartens. Das denkmalgeschützte Haus zählt zu den ältesten Baudenkmälern des Tegernseer Tales und soll nun zugunsten des Schörghuber-Hotelkomplexes komplett abgerissen werden.
Das Haus befindet sich nach einem Teilbrand und durch Unterlassung von Dachreparaturen in einem desaströsen, aber immer noch reparablen Zustand. Die heutige Bezeichnung „Gesindehaus“ ist sicherlich irreführend, es handelte sich ursprünglich um ein anspruchsvolles und repräsentatives Gebäude, vermutlich das Hauptgebäude des Gutes und Wohnhaus des Verwalters.


„Was du ererbt…“

Als der Unternehmer Josef Schörghuber um das Jahr 1975 das Herzogliche Gut Kaltenbrunn erwarb, sah sich Gmunds damaliger Bürgermeister Bogner seinem Lieblingsprojekt einen Schritt näher: Schaffung eines Freizeitzentrums am Nordufer des Sees, das unter Wahrung der historischen Substanz von Kaltenbrunn am Nordufer des Sees entstehen soll (aus TEGERNSEER TAL, Winter 1976/77)

Vor Journalisten, die ihn während einer Chile-Reise im Herbst 1977 begleiteten, sprach Josef Schörghuber, dank seiner Millionenspenden für das Münchner „Haus der Kunst“ einer der großen Mäzene der Nachkriegszeit, wiederholt über seine Pläne für Kaltenbrunn. Ihm schwebte, in die Gutsgebäude integriert, ein Landhotel im Ambiente eines Hochzeitsparadieses vor. Zwischen dem Burghügel und dem See wollte er am Weiher eine Kapelle erbauen und – vielleicht war´s ein Jugendtraum - eine Windmühle…

„Eigentum verpflichtet“, und im moralischen Sinn sollte dieses Wort eine noch höhere Verpflichtung für Sohn Stefan Schörghuber sein: „Was du ererbst von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“
Denn Joseph Schörghuber hatte mit dem Erbe Kaltenbrunn seinem Sohn auch dieses Wort hinterlassen:
„Die Geschichte von Kaltenbrunn verpflichtet
und jede Aktivität - heute und in Zukunft –
wird immer mit dem Augenmerk auf die
Tradition dieses geschichtsträchtigen Ortes geschehen.“

Noch ein Nachtrag zur Kulturgeschichte von Kaltenbrunn: Hier gebar im Januar 1824 die ledige Anna Mayer, Sennerin auf der zu Kaltenbrunn gehörigen Königsalm, ein Knäblein, dem die Welt einmal die Bayreuther Festspiele verdanken sollte. Der königliche Administrator zu Tegernsee und Kaltenbrunn, Johann Marcus Feustel, unterschrieb die Vaterschaftsurkunde, wobei sich Historiker und Familienforscher heute weitgehend einig sind, dass dies ein Freundschaftsdienst Feustels für den wahren Vater, den königlichen Prinzen Carl, Schlossherr von Tegernsee, war. Jedenfalls genoss dieses Kind, auf Friedrich getauft, das Wohlwollen von höherer Warte. Die Sennerin von der Königsalm musste ihr Kind, der höheren Erziehung wegen, zu den Schwestern des Administrators nach Bayreuth geben, wo Friedrich Feustel einen beispiellosen Weg nahm: Er stieg – und dies nicht durch Protektion, sondern durch eigenes Können - vom kaufmännischen Lehrling zum Unternehmer und Banker auf, wurde Reichstagsabgeordneter, in den Adelsstand erhoben, war einer der einflussreichsten Männer Bayreuths - und erhielt 1871 einen Brief, der die europäische Musikszene verändern sollte: Richard Wagner bat Feustel um ein angemessenes Domizil für seine Kunst. Und Feustel, das Knäblein der Sennerin von Kaltenbrunn, erwarb für Richard Wagner den „Hügel“ und finanzierte das Festspielhaus. So, und nur so, kam die Welt zu den Bayreuther Festspielen.

Und hier haben noch einmal die Dichter das Wort…

Das Gut Kaltenbrunn stellt allein schon mit den beiden Biergärten und der Restaurant-Terrasse vor dem Könighaus eine mehrere hundert Meter lange Naturtribüne dar. Diese Tribüne eröffnet einen einmaligen, von keinem anderen Punkt des Tales aus möglichen Blick über den See zu den Bergen im Süden. So schrieb der Kgl.-preußische Justizrat Gerkens, der im 19. Jahrhundert eine „gelehrte Reise“ an den Tegernsee unternahm, dass von Kaltenbrunn aus „die Aussicht über den See auf die Rätischen Gebürg göttlich sey…“ Mittlerweile gibt es eine Bayerische Verfassung mit dem Artikel 141, der den Bürgern unter anderem den freien Zugang zu den Naturschönheiten verbürgt. Und wer als Grundstückseigner die Öffentlichkeit vom Genuss dieser Naturschönheit aussperrt, um vielleicht die Justiz in einer Bauangelegenheit unter Druck zu setzen, begibt sich möglicherweise in Kollisionsnähe zu diesem Artikel 141.

Aus der Verfassung des Freistaates Bayern vom 2. Dezember 1946, Artikel 141 Naturschutz Denkmalschutz Freier Zugang zu Naturschönheiten, Absatz 2: „Staat, Gemeinden und Körperschaften des öffentlichen Rechts haben die Aufgabe, die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und der Natur, sowie die Landschaft zu schützen und zu pflegen,
herabgewürdigte Denkmäler der Kunst und der Geschichte möglichst ihrer früheren Bestimmung wieder zuzuführen…“
Absatz 3: „…Staat und Gemeinden sind berechtigt und verpflichtet, der Allgemeinheit die Zugänge zu Bergen, Seen und Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten und allenfalls durch Einschränkungen des Eigentumsrechtes freizumachen…“


Aber lassen wir noch einmal die Dichter der frühen Jahre zu Wort kommen. Wer am Kaltenbrunner Ufer stand, während die Wasservögel im Schilf lärmten, während der Fischer den Kahn mit bedächtigen Ruderschlägen über den See trieb und im Süden die Blauberge in frostiger Schönheit emporwuchsen, dem lief einfach das Herz über. Vor allem, wenn er sich in „Hexametrischen Landschaftsschilderungen“ versuchte, wie jener Ferdinand Joseph Gruber, der „Den höchstseligen Manen Seiner Majestät Maximilian Joseph“ eine Tegernseer Gedichtsammlung gewidmet hatte. Da saß er nun auf einem Stein, das Auge im spiegelnden See versenkt, und meditierte:

„Wohin immer sich lenkt mein staunender Blick, erdämmern ihm neue / Reize, löset sich ihm der Gürtel schöner Aussichten./ Sieh, wie vom Riesengebirg allmählig der Nebel herabfließt,/ Wie der kahlhauptige Wallwer (Wallberg), der sattelförmige Luckner,/ Wie der Kirchstein, der spitz, wie eine Säul´, in dem Trotze / Eines verwegenen Pfeils , sich zu den Wolken emporstreckt,/ Und die übrigen kraftumgürteten Felsenbrüder / Alle, wie sie entgegen tragen die wolkigen Häupter / Deiner schimmernden Glut, o erhab´ne Fürstinn des Tages! / Spiegel der Gottheit! O Quell reichen Entzückens! Je mehr du / Strahlend die Höhen beschiffst im blauen Meer des Himmels,/ Um so reger durchzuckt der Puls des freudigen Lebens / Alle Naturen , und um so heller und reizender lächelt / Mir im bräutlichen Kranz der Frühlingsmuth der Landschaft…“

Ein nicht minder empfindsames Herz schlug in der Brust des Poeten Friedrich Wagner. Auch er hatte Kaltenbrunn besucht – seine Gedichtsammlung „Bilder und Klänge vom Tegernsee“ erschien 1866 – und in „des Abends gold´ne Töne“ hineingelauscht:
„Kaltenbrunn. Wie weilt sich´s auf der grünen Höh`/ In stiller sel´ger Wonne, / Wenn spiegelglatt der weite See / Ruht in der Abend-Sonne, / Wie drauf der trauten Heimat zu / Die Schifflein leise gleiten / Und träumend rings in süßer Ruh / Sich hin die Ufer breiten…/ Es füllt die Brust dies herrlich Bild / Mit wonnigem Entzücken, / Den Zauber, der ihm reich entquillt / Lass auch dein Herz beglücken. / Hörst du´s wie´s durch die Schöpfung klingt / Gleich einem Abendliede, / Das selig ahnend sie durchdringt / Wie heil´ger Gottesfriede?“


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Zusammengestellt von Dr. Michael Heim, Ossingerstraße 47 . D 81375 München Telefon 089 – 714 55 71 e-mail: michael.heim@hfx-media.de
Quellen: “Kaltenbrunner Chronik” des Autors, erschienen in Tegernseer Zeitung, Januar und Februar 1965, sowie diverse Beiträge aus Zeitschrift TEGERNSEER TAL








Das Urteil ist da !
Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat in seinem Urteil vom 23. Juli den Klägern gegen den Bebauungsplan Nr. 40 „Gut Kaltenbrunn" Recht gegeben.
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